Insektenkunde
Eintagsfliegen (Ephemeroptera)


Familien, Gattungen und häufigste Arten
in Mitteleuropa

Palingeniidae

Die Palingeniidae waren in Mitteleuropa ursprünglich mit nur einer Gattung (Palingenia) und 2 Arten vertreten. Die erste detaillierte Beschreibung des Lebenszyklus einer Eintagsfliege durch Outgert Cluyt im Jahr 1634 und eine Darstellung von Jan Swammerdamm 1675 in den Niederlanden bezogen sich beide auf die Art Palingenia longicauda, die leider in West- und Mitteleuropa verschollen bzw. ausgestorben ist. Auch die spektakuläre Massenemergenz im bulgarischen Teil der Donau kann heute nur mehr auf Fotografien bewundert werden.

Palingenia longicauda ist mit bis zu 38 mm Körperlänge die größte und schönste europäische Eintagsfliege. Sie tritt an wenigen Stellen einiger Flußgebiete auf und ist auch dort stets auf kurze Strecken beschränkt, erscheint dann aber oft in solchen Massen, daß der Fluß, aus dem sie steigt, wie in dichtem Nebel erscheint. In Ungarn verursacht sie die sogenannte "Theißblüte". Die Nymphe baut lange Wohnröhren und ernährt sich von organischen Beimengungen der Tonerde der Gewässersohle. Ihr Larvenstadium dauert 3 Jahre.

Die zweite Art - Palingenia fuliginosa - kommt in der Tschechoslowakei vor.

In neuerer Zeit wird die Gattung Palingenia in der Systematik der Eintagsfliegen der Familie Ephemeridae zugeordnet.

Siehe auch:
http://www.geocities.com/protheiss/Palingenia.htm
http://www.famu.org/mayfly/sartori/baltragique.html
(QuickTime Player erforderlich)

Palingenia longicauda
Palingenia longicauda
 

 

Polymitarcyidae

Die einzige mitteleuropäische Art der Polymitarcyidae - Ephoron virgo - erreicht eine Körperlänge von 18 mm und trägt die Bezeichnungen "Uferaas" und "Weißwurm". Neuerdings tritt sie wie in früheren Zeiten wieder massenhaft auf, so z.B. am Rhein. Die Larven lieben langsam fließendes Gewässer mit schlammigen oder sandigen Ablagerungen, in denen sie in selbstgegrabenen, u-förmigen Gängen im Boden leben.

Über die früheren Massenvorkommen schreibt Schoenemund 1930 in "Die Tierwelt Deutschlands - Eintagsfliegen oder Ephemeroptera": "Ich selbst beobachtete am 8.8.1924 die Tierchen am Neckar bei Mannheim in solchen Mengen, dass die Brückenlampen vollständig verdunkelt wurden. Die Bürgersteige und Fahrdämme waren innerhalb kurzer Zeit mit riesigen Leichenhaufen niederfallender Tiere bedeckt, während immer wieder neue Scharen den Fluten entstiegen und wie Schneeflocken in solch ungeheuerem Treiben herumwirbelten, dass die Menschen nur ganz vorsichtig, fast tastend einhergingen."

Ephoron virgo
Ephoron virgo
 

 

Ephemeridae

Zu den Ephemeridae gehören die mit bis zu 24 mm Körperlänge recht großen Vertreter der Gattung Ephemera, die mit gefleckten Flügeln und mehrfarbigem Körper wohl die schönsten und auffälligsten Eintagsfliegen darstellen. Die beiden häufigsten Arten in Deutschland sind Ephemera danica und Ephemera vulgata. E. vulgata bewohnt vor allem langsam fließende größere Gewässer mit schlammigem Boden, während E. danica in den kälteren und schneller fließenden Wasserläufen der deutschen Mittelgebirge mit sandigem und kiesigem Untergrund anzutreffen ist.

Die Imagines beider Arten unterscheiden sich durch die Zeichnungen auf der Oberseite des Hinterleibs, die bei E. vulgata aus dreieckigen, kommaartigen dunklen Flecken auf jeder Seite bestehen, zwischen denen sich auf den Abdominalsegmenten 5-9 oder 6-9 noch ein Paar feiner kurzer Linien befindet. Bei E. danica besteht diese Zeichnung aus keilförmigen dunklen Streifen auf den Oberseiten des 6.-9. Segments, zwischen denen zwei abgekürzte Linien stehen. Die ersten fünf Tergite des Hinterleibs sind entweder ganz weiß oder mit verwaschenen Flecken gezeichnet.

Auch die Larven der Ephemeridae leben wie die vorstehend erwähnten als Bodengräber und sind daher an wenig bewegtes Wasser gebunden. Sie tragen gefiederte Tracheenkiemen, die entsprechend ihrer Lebensweise nach oben über den Rücken gekrümmt liegen. Ältere Larven der beiden erwähnten Arten weisen ebenfalls die beschriebenen Zeichnungen am Hinterleib auf.

Der deutsche Name "Maifliege" für die Ephemera-Arten ist etwas irreführend, da sie von Mai bis August oder September anzutreffen sind.

Ephemera vulgata
Ephemera vulgata
 

 

Potamanthidae

Die Imago der einzigen einheimischen Art Potamanthus luteus der Familie Potamanthidae unterscheidet sich nach Größe und Gestalt kaum von den Ephemeridae, ist aber leicht an ihrer einheitlich schwefel- bis dunkelgelben Färbung und den ungefleckten Flügeln zu unterscheiden. Sie lebt an größeren Flüssen und Bächen, wo die Larven unter Steinen und anderen Gegenständen Schutz vor nachstellenden Feinden suchen.

Potamanthus luteus
Potamanthus luteus
 

 

Oligoneuriidae

Die Oligoneuriidae treten mit nur einer Gattung und Art (Oligoneuriella rhenana) in den westlichen Flußgebieten und Österreich auf. In früheren Jahren war diese Art im Rhein und seinen Zufüssen sehr häufig, ist aber seither stark zurückgegangen und teilweise verschwunden.

Die als "Augustmücken", "Rheinmücken" oder "Ködermücken" bezeichnen Tiere erscheinen Ende Juli und besonders im August in riesigen Schwärmen. Die Larven schlüpfen in dieser Zeit am Abend innerhalb kurzer Zeit und in gewaltigen Massen. Zuerst treten die männlichen Subimagines auf, die dicht über dem Wasser einen charakteristischen Zickzackflug ausführen, der schließlich in ein wirbelndes Jagen übergeht, bis die ersten weiblichen Subimagines an der Wasseroberfläche erscheinen. Noch ehe sich diese in die Luft erheben, werden sie von den Männchen ergriffen und davongetragen, wobei dann die Begattung erfolgt. Nach der Trennung fliegt der Schwarm der begatteten Weibchen ohne Beteiligung der Männchen flußaufwärts, in dessen Verlauf die aus dem Hinterleib quellenden Eier entweder bereits während der Flugbewegungen ins Wasser fallen oder aber dann dorthin gelangen, wenn die Weibchen erschöpft auf die Wasseroberfäche sinken.

Die erwachsenen Tiere sind an der geringen Zahl von Flügeladern sehr leicht zu erkennen. Auch die Nymphen können durch ihren charakteristischen Körperbau problemlos identifiziert werden.

Oligoneuriella rhenana
Oligoneuriella rhenana
 

 

Heptageniidae

Unter den Heptageniidae finden sich Arten von 10 bis fast 40 mm Spannweite, die relativ unterschiedliche Biotope bewohnen. Die meisten Arten sind jedoch an die sauberen, schnellfließenden Gebirgsbäche gebunden, in denen die abgeflachten Larven an Steinen angeklammert im Bachbett leben.

Die Familie gliedert sich in die Gattungen Epeorus, Ecdyonurus, Heptagenia, Electrogena und Rhithrogena. Neuerdings wird die bisher der Gattung Heptagenia zugeordnete Art Heptagenia fuscogrisea in die Gattung Kageronia eingestuft, die in Mitteleuropa mit keiner weiteren Art vertreten ist. Diese Abtrennung ist allerdings unter den Taxonomen nicht unumstritten.

Die Nymphen der Gattung Epeorus besitzen im Gegensatz zu allen anderen Eintagsfliegennymphen nur 2 Schwanzborsten. Ecdyonurus-Larven sind an den seitlichen scheibenartigen Anhängen des Pronotums - der rückenseitigen Fläche des ersten Brustsegments - leicht zu erkennen. Die Nymphen der Rhithrogena-Arten können von den Electrogena- und Heptagenia-Arten durch die Blätter des ersten Kiemenpaares unterschieden werden, die auf der Bauchseite einander berühren.

Heptagenia sp.
Heptagenia sp.
Epeorus sp.
Epeorus sp.
Ecdyonurus sp.
Ecdyonurus sp.
Rhithrogena sp.
Rhithrogena sp.
 

 

Siphlonuridae

Die Larven der Siphlonuridae besiedeln bevorzugt Fließgewässer mit reichem Pflanzenwuchs, kommen aber auch in klaren Seen und Talsperren vor. Im Wasser bewegen sie sich schwimmend fort, indem sie den Hinterleib mit den anhängenden Schwanzborsten auf- und abwärts schlagen.

Von dieser Familie wird jetzt häufig die Familie der Isonychiidae mit der einzigen Art Isonychia ignota abgetrennt, die ebenfalls an Flüssen vorkommt.

Siphlonurus sp.
Siphlonurus sp.
 

 

Ameletidae

Die beiden in Europa vorkommenden Gattungen Ameletus und Metreletus mit jeweils einer Art waren bis in neuerer Zeit der Familie Siphlonuridae zugeordnet, werden jetzt aber in einer eigenständigen Familie zusammengefaßt.

 

Ameletus inopinatus
Ameletus inopinatus
Baëtidae

Die Arten der Baëtidae verteilen sich auf vier Gattungen. Winzige Hinterflügel sind noch bei Baëtis und Centroptilum vorhanden, bei Cloëon und Procloëon fehlen sie völlig. Die Flügelspannweite beträgt stets weniger als 25 mm.

Die als Schwimmer lebenden Larven der beiden erstgenannten Gattungen bevorzugen Fließgewässer, während die der beiden anderen auch selbst in Regentonnen vorkommen können.

Baetis sp.
Baëtis sp.
Leptophlebiidae

Die Arten der Leptophlebiidae leben überwiegend in stehenden und langsam fließenden Gewässern. Die erwachsenen Tiere sehen denen der Ephemerellidae-Arten sehr ähnlich und haben helle oder rauchbraune Flügel und braune oder gelbe Körper, können aber anhand der Flügeladerung voneinander getrennt werden.

Die Larven der Leptophlebiidae besitzen im Unterschied zu den Arten der Ephemerellidae 7 anstelle von 5 Paaren Tracheenkiemen, die an den Seiten des Hinterleibs entspringen.

Leptophlebia sp.
Leptophlebia sp.
Ephemerellidae

Die Imagines der Ephemerellidae sehen denen der Leptophebiidae-Arten sehr ähnlich. Ihre Larven besitzen im Gegensatz zu letzteren lediglich 5 Tracheenkiemen, die auf der Rückenseite am Hinterrand des 3. bis 7. Hinterleibssegments entspringen, wobei das 5. Kiemenpaar vom 4. ganz bedeckt sein kann.

Ephemerella sp.
Ephemerella sp.
 

 

Caënidae

Die Caënidae, für die die Gattung Caënis typisch ist, umfassen sehr kleine Eintagsfliegen, denen Hinterflügel fehlen. Die Vorderflügel sind am Hinterrand bewimpert, ihre Aderung ist reduziert. Nur noch wenige Queradern ziehen in einer Zickzacklinie über das innere Flügeldrittel. Ein Schlupf dieser Arten kann den Fliegenfischer zur Verzweiflung bringen, da in solchen Phasen wegen der Kleinheit dieser Insekten fast jedes künstliche Muster von den Fischen verschmäht wird, weshalb eine solche Situation von englischen Fischern auch als "angler's curse" (Anglers Fluch) bezeichnet wird.

Die Larven sind langsame Bodenbewohner, die mindestens teilweise räuberisch leben. Sie können leicht an dem vergrößerten zweiten Kiemenpaar erkannt werden, das die dahinterliegenden schützend überdeckt.

Caënis sp.
Caënis sp.
 

 

Literatur

Allgemeine Entomologie

  • Chinery, Michael, 1984. Insekten Mitteleuropas. Paul Parey Hamburg
  • Stresemann, Erwin et al., 2000. Exkursionsfauna von Deutschland - Band 2 Wirbellose: Insekten.Spektrum Akademischer Verlag Heidelberg
  • Engelhardt, Wolfgang, 1989. Was lebt in Tümpel, Bach und Weiher? Kosmos Stuttgart
  • Ludwig, Herbert W., 1993. Tiere in Bach, Fluß, Tümpel, See. BLV München
  • Schwab, Helmut, 1999. Süßwassertiere - Ein ökölogisches Bestimmungsbuch. Klett Stuttgart
  • Schrodt, Jürgen, 1998. Insektenkunde für Fliegenfischer. Parey Berlin
  • Reisinger, Walter & Bauernfeind, Ernst & Loidl, Erhard, 2002. Entomologie für Fliegenfischer. Eugen Ulmer Stuttgart
  • von Bredow, Klaus, 1981. Das große Buch vom Fliegenbinden. Albert Müller Rüschlikon-Zürich

Einzeldarstellungen

  • Bauernfeind, Ernst & Humpesch, U.H., 2001. Die Eintagsfliegen Zentraleuropas (Insecta: Ephemeroptera): Bestimmung und Ökologie. Verlag des Naturhistorischen Museums Wien
  • Haybach, Arne, 1998. Die Eintagsfliegen (Insecta: Ephemeroptera) von Rheinland-Pfalz. Dissertation am Fachbereich Biologie der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz
  • Schoenemund, Eduard, 1930. Eintagsfliegen oder Ephemeroptera. Die Tierwelt Deutschlands 19. Teil, Jena.
  • Studemann, Denise et al., 1992. Ephemeroptera. Insecta Helvetica Band 9, Genf.
  • Elliot, J.M. & Humpesch, U.H. & Macan, T.T., 1988. Larvae of the British Ephemeroptera. Freshwater Biological Association.
  • Elliot, J.M. & Humpesch, U.H., 1983. A key to the adults of the British Ephemeroptera. Freshwater Biological Association.

siehe auch

Köcherfliegen (Trichoptera)
Steinfliegen (Plecoptera)
Zweiflügler (Diptera)

Bestimmungsschlüssel für Insektenlarven
Bestimmungsschlüssel für Larven der Eintagsfliegen
Bestimmungsschlüssel für Imagines der Eintagsfliegen
Bestimmungsschlüssel für Larven der Steinfliegen
Bestimmungsschlüssel für Imagines der Steinfliegen
Bestimmungsschlüssel für Imagines der Köcherfliegen

Saprobienindex
Indikatororganismen

Links

Ephemeroptera Germanica (Dr. Arne Haybach, Mainz)  - Die deutschsprachige Seite über Eintagsfliegen!

Lehrstuhl für Tierökologie TU München - Dr. Werner Heitland
Bilder und Videos von Eintagsfliegen - Wasserwirtschaftsamt Freising
Eintagsfliegenbilder von Peter Maihöfer
The Electrogena Pages (Dr. Carlo Belfiore, Neapel)
Ephemeroptera Galactica (FAMU's Mayfly Research Group)
Mayfly Central (Purdue University)

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Letzte Aktualisierung: 08. April 2005