Insektenkunde


Köcherfliegen (Trichoptera)

       
   Phryganea sp.  

Einleitung

Die Köcherfliegen bilden mit etwa 7.000 bekannten Arten weltweit eine große Ordnung innerhalb der Klasse der Insekten. Ihre tatsächliche Anzahl dürfte über 10.000 liegen. In Europa sind ungefähr 1.000 Arten bekannt, davon sind in Deutschland 314 Arten nachgewiesen.

Körperbau und Lebensweise

Die Köcherfliegen ähneln in ihrer Gestalt verschiedenen Kleinschmetterlingen, sind von diesen jedoch durch die behaarten - nicht beschuppten - Flügel und das Fehlen eines aufgerollten Saugrüssels zu unterscheiden. Auf ihre behaarten Flügeln bezieht sich auch ihr wissenschaftlicher Name Trichoptera (vom griechischen trichos = Haar und pteron = Flügel). Diese legen sie im Gegensatz zu den Schmetterlingen in der Ruhestellung immer dachförmig auf dem Hinterleib aneinander. Die Färbung unserer einheimischen Arten ist meist recht unscheinbar, es überwiegen graue, schwarze und braune Farbtöne. Auffällig sind ihre oft mehr als körperlangen Fühler, die in Ruhestellung nach vorne gestreckt werden. Die Köcherfliegen entfernen sich meist nicht sehr weit vom Wasser und verbergen sich am Tage meist in der Ufervegetation. Bei Einbruch der Dämmerung werden sie aktiv und flattern unbeholfen umher.

Die Paarung erfolgt vorwiegend auf einer festen Unterlage, wobei die Partner mit abgewandten Köpfen in gerader Richtung hintereinander sitzen. Die Eiablage findet bei manchen Arten im Fluge statt, wobei das Weibchen in geringer Höhe über der Wasseroberfläche dahinfliegt und die Eier in kleinen Paketen fallen lässt. Andere Arten legen ihre Eier an Gräser, Blätter oder Äste, die sich über die Wasseroberfläche neigen, so dass die schlüpfenden Larven in ihr künftiges Wohngewässer fallen. Schließlich kriechen die Weibchen bestimmter Arten zur Eiablage selbst in das Wasser hinein und kleben ihre Gelege an Steine oder Wasserpflanzen an.

Die Larven der Köcherfliegen sind durch ihren charakteristischen Köcher, mit dem sie ihren weichen Hinterleib schützen, allgemein viel besser bekannt als die erwachsenen Tiere. Das verwendete Baumaterial ist recht unterschiedlich und kann aus Steinchen, Sandkörnern, Zweigstückchen, kleinen leeren Schnecken- oder Muschelschalen, Teilen grüner oder welker Blättchen und Grashalmen o.ä. bestehen. Viele Arten haben ein ganz spezifisches Baumuster, so dass man sie oftmals anhand ihrer Gehäuse allein bestimmen kann. Das Gehäuse der jüngsten Larven besteht allerdings zunächst meist nur aus einem Gespinst, das aus einem Sekret ihrer Spinndrüse erzeugt wird. Später beginnt die Larve mit der Belegung des Köchers mit Fremdmaterial. Der Köcher wird ständig umhergetragen und nie freiwillig verlassen. Bei Gefahr kann sich die Larve auch vollständig in ihn zurückziehen. Wenn die Larven wachsen, fügen sie am Vorderende weiteres Material an und entfernen am Hinterende die älteren und deshalb zu engen Teile. Auch zu den normalerweise fünf Häutungen während ihres Larvenstadiums wird der Köcher nicht verlassen. Die Köcher sind stets an beiden Enden offen und die Bewegungen der Larve erzeugen einen Wasserstrom durch das Gehäuse hindurch. Hierdurch wird das Tier ständig mit Sauerstoff versorgt, den es dem Wasser mit Hilfe fiedriger Tracheenkiemen an den Seiten des Hinterleibes entnimmt.

Köcherfliegenlarve

Neben den köcherbauenden Arten gibt es freilebende Larven, die entweder zwischen den Steinen am Gewässergrund leben oder sich zwischen Steinen oder Wasserpflanzen netzartige Gespinste verschiedener Form bauen, die einerseits einen gewissen Schutz gewähren, aber auch dem Nahrungsfang dienen. Auch die nicht köcherbauenden Larven atmen mit Hilfe fadenförmiger Tracheenkiemen am Hinterleib.

Die Nahrung der Köcherfliegenlarven besteht meist aus pflanzlichem Material wie Algen, Detritus und frischen oder faulenden Teilen höherer Pflanzen. Freilebende oder netzbauende Arten ernähren sich aber auch von Kleinlebewesen.

Am Ende ihrer Entwicklungsphase verpuppen sich die Larven in geeigneten Verstecken unter Steinen, Wurzeln o.ä.. Die köchertragenden Arten verschließen hierzu die Vorder- und Hinteröffnung ihres Köchers bis auf kleine Durchlässe für das Atemwasser mit Gespinstdeckeln und kleben die Gehäuse fest an die Unterlage an. Auch die köcherlosen Larven bauen sich Puppengehäuse. Die Puppe bleibt sehr beweglich und behält die Ventilationsbewegungen der Larve bei. Auch die Kiemen der Larven bleiben in der Regel erhalten. Nach einer Puppenruhe von ca. 2 bis 3 Wochen verlässt die Puppe das Gehäuse und versucht schwimmend oder durch Erklettern von Wasserpflanzen die Wasseroberfläche zu erreichen. Dort erst reißt die Puppenhaut auf, die Imago schlüpft und fliegt fast unmittelbar danach ab. Der gesamte Entwicklungszyklus der Köcherfliegen dauert ein Jahr; die erwachsenen Tiere leben im allgemeinen nicht länger als acht Tage. Die beiden Arten der einheimischen Gattung Enoicyla durchlaufen ihr Larvenstadium nicht im Wasser, sondern in feuchtem Moder und Moos am Fuß von Bäumen.

  Lebenszyklus der Köcherfliegen

Bedeutung

Köcherfliegen sind von großer Bedeutung in der Nahrungskette des Süßwassers und werden in großer Zahl von Fischen und Wasservögeln gefressen. Angler verwenden die Larven ("Sprock") als Köder. Künstliche Nachbildungen der Fliegen- und Larvenstadien spielen bei der Fliegenfischerei eine wichtige Rolle.

Bestimmung der Köcherfliegen

Eine einwandfreie Bestimmung der Köcherfliegenarten ist nur langjährig eingearbeiteten Spezialisten möglich und auch diesen nicht bei allen Gattungen.

Für die Bestimmung der Imagines werden neben der Form des Genitalapparates Merkmale wie Länge der Fühler, Vorhandensein bzw. Fehlen von Ocellen, Flügelform und deren Aderung, Existenz der Discoidalzelle in den Flügeln, sowie Anzahl der Sporne an den Beinschienen herangezogen.

Bei den Larven gestattet die Bauweise des Köchers nur in wenigen Ausnahmefällen eine Artdiagnose. Vielmehr sind neben der Körperform auch der Sklerotisierungsgrad von Pro- , Meso- und Metanotum, das Vorhandensein eines Prosternalhornes, die Beborstung und zahlreiche weitere Merkmale maßgeblich .

Bestimmungsschlüssel sind in der angeführten Literatur zu finden.
Schiene mit Spornen
Bein mit drei Spornen an der Schiene (Tibia)

Flügel mit Discoidalzelle

Familien, Gattungen und häufigste Arten in Deutschland

Familie Gattung Art
Rhyacophilidae Rhyacophila aurata
dorsalis
evoluta
fasciata
glareosa
hirticornis
intermedia
nubila
obliterata
philopotamoides
praemorsa
pubescens
tristis
vulgaris
Philopotamidae Philopotamus


Wormaldia


ludificatus
montanus
variegatus
occipitalis
pulla
subnigra
triangulifera
Psychomyiidae Lype

Psychomyia
Tinodes
phaeopa
reducta
pusilla
assimilis
dives
pallidulus
rostocki
unicolor
waeneri
Ecnomidae Ecnomus tenellus
Polycentropodidae Cyrnus


Holocentropus


Neureclipsis
Plectrocnemia


Polycentropus
crenaticornis
flavidus
trimaculatus
dubius
picicornis
stagnalis
bimaculata
brevis
conspersa
geniculata
flavomaculatus
irroratus
Hydropsychidae Cheumatopsyche
Diplectrona
Hydropsyche
lepida
felix
angustipennis
bulbifera
bulgaromanorum
contubernalis
dinarica
exocellata
fulvipes
guttata
incognita
instabilis
pellucidula
saxonica
siltalai
tenuis
Glossosomatidae Glossosoma


Agapetus



Synagapetus
boltoni
conformis
intermedium
delicatulus
fuscipes
nimbulus
ochripes
dubitans
iridipennis
moselyi
Hydroptilidae Ptilocolepus
Stactobia

Agraylea

Allotrichia
Hydroptila






Oxyethira
Ithytrichia
Orthotrichia
granulatus
eatoniella
moselyi
multipunctata
sexmaculata
pallicornis
angulata
cornuta
forcipata
martini
sparsa
tineoides
vectis
flavicornis
lamellaris
costalis
Phryganeidae Agrypnia

Hagenella
Oligotricha
Phryganea

Trichostegia
pagetana
varia
clathrata
striata
bipunctata
grandis
minor
Brachycentridae Brachycentrus


Micrasema
maculatus
montanus
subnubilus
longulum
minimum
Lepidostomatidae Crunoecia

Lasiocephala
Lepidostoma
irrorata
kempnyi
basalis
hirtum
Limnephilidae Unterfamilie Apataniinae
Apatania

Unterfamilie Dicosmoecinae
Ironoquia

Unterfamilie Drusinae
Anomalopterygella
Drusus




Ecclisopteryx


Metanoea

Unterfamilie Limnephilinae

Tribus Stenophylacini

Acrophylax
Allogamus

Enoicyla

Halesus


Hydatophylax
Melampophylax
Mesophylax
Micropterna



Parachiona
Potamophylax




Rhadicoleptus
Stenophylax


Tribus Chaetopterygini
Annitella
Chaetopterygopsis
Chaetopteryx

Pseudopsilopteryx

Tribus Limnephilini
Anabolia

Glyphotaelius
Grammotaulius


Limnephilus























Phacopteryx

fimbriata


dubia


chauviniana
annulatus
biguttatus
chrysotus
discolor
trifidus
dalecarlica
guttulata
madida
rhaetica




zerberus
auricollis
uncatus
pusilla
reichenbachi
digitatus
radiatus
tessellatus
infumatus
mucoreus
impunctatus
lateralis
nycterobia
sequax
testacea
picicornis
cingulatus
latipennis
luctuosus
nigricornis
rotundipennis
alpestris
permistus
vibex


obscurata
maclachlani
major
villosa
zimmeri


furcata
nervosa
pellucidus
nigropunctatus
nitidus
submaculatus
affinis
auricula
binotatus
bipunctatus
centralis
coenosus
decipiens
elegans
extricatus
flavicornis
fuscicornis
griseus
hirsutus
ignavus
incisus
lunatus
marmoratus
nigriceps
politus
rhombicus
sparsus
stigma
subcentralis
vittatus
brevipennis
Goeridae Goera
Lithax

Silo
pilosa
niger
obscurus
nigricornis
pallipes
piceus
Uenoidae Thremma gallicum
Beraeidae Beraea

Beraeodes
Ernodes
maura
pullata
minutus
articularis
Sericostomatidae Notidobia
Sericostoma

Oecismus
ciliaris
personatum
schneideri
monedula
Odontoceridae Odontocerum albicorne
Molannidae Molanna
Molannodes
angustata
tinctus
Leptoceridae Athripsodes




Ceraclea





Leptocerus
Mystacides


Adicella

Triaenodes
Oecetis




Setodes
albifrons
aterrimus
bilineatus
cinereus
commutatus
alboguttata
annulicornis
dissimilis
fulva
nigronervosa
senilis
tineiformis
azurea
longicornis
nigra
filicornis
reducta
bicolor
furva
lacustris
notata
ochracea
testacea
punctatus
viridis

Literatur

Allgemeine Entomologie

  • Chinery, Michael, 1984. Insekten Mitteleuropas. Paul Parey Hamburg
  • Stresemann, Erwin et al., 2000. Exkursionsfauna von Deutschland - Band 2 Wirbellose: Insekten.Spektrum Akademischer Verlag Heidelberg
  • Engelhardt, Wolfgang, 1989. Was lebt in Tümpel, Bach und Weiher? Kosmos Stuttgart
  • Ludwig, Herbert W., 1993. Tiere in Bach, Fluß, Tümpel, See. BLV München
  • Schwab, Helmut, 1999. Süßwassertiere - Ein ökölogisches Bestimmungsbuch. Klett Stuttgart
  • Schrodt, Jürgen, 1998. Insektenkunde für Fliegenfischer. Parey Berlin
  • Reisinger, Walter & Bauernfeind, Ernst & Loidl, Erhard, 2002. Entomologie für Fliegenfischer. Eugen Ulmer Stuttgart
  • von Bredow, Klaus, 1981. Das große Buch vom Fliegenbinden. Albert Müller Rüschlikon-Zürich

Einzeldarstellungen

  • Malicky, H., 2004. Atlas der europäischen Köcherfliegen. 2nd Edition. Springer Doordrecht The Netherlands
  • Tobias, W. & Tobias, D., 1981. Trichoptera Germanica, Bestimmungstafeln für die deutschen Köcherfliegen - Teil 1: Imagines. Courier Forschungsinstitut Senckenberg CFS 49 Frankfurt/Main
  • Waringer, Johann & Graf, Wolfram, 2000. Atlas der österreichischen Köcherfliegenlarven unter Einschluss der angrenzenden Gebiete. Facultas-Universitätsverlag Wien.
  • Edington, J.M. & Hildrew, A.G., 1995. Caseless caddis larvae of the British isles. Freshwater Biological Association.
  • Wallace, I.D. & Wallace, B. & Philipson, G.N., 2003. A key to the case-bearing caddis larvae of Britain and Ireland. Freshwater Biological Association.
  • Nógrádi, Sára & Uherkovich, Ákos, 2002. Magyarország Tegzesei (Trichoptera) - The caddisflies of Hungary (Trichoptera). Pécs.

siehe auch

Eintagsfliegen (Ephemeroptera)
Steinfliegen (Plecoptera)
Zweiflügler (Diptera)

Bestimmungsschlüssel für Insektenlarven
Bestimmungsschlüssel für Imagines der Köcherfliegen
Bestimmungsschlüssel für Larven der Eintagsfliegen
Bestimmungsschlüssel für Imagines der Eintagsfliegen
Bestimmungsschlüssel für Larven der Steinfliegen
Bestimmungsschlüssel für Imagines der Steinfliegen

Saprobienindex
Indikatororganismen

Links

Die Köcherfliegenseiten von Peter J. Neu - Die umfangreichste und informativste deutschsprachige Seite über Köcherfliegen

Köcherfliegen Baukünstler und Bioindikatoren unserer Gewässer
Lehrstuhl für Tierökologie TU München - Dr. Werner Heitland
Bilder und Videos von Köcherfliegen - Wasserwirtschaftsamt Freising

Home
©  Jürgen Gaul, 1999-2006, all rights reserved - please don't copy without permission
Letzte Aktualisierung: 17. September 2006